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Textauszug „Dolce Vita

„So“, sagte die kleine Braune, lächelte mit herzlichen, feinen asiatischen Zügen, betrachtete Timo von oben bis unten und nickte. „Du willst also hier anfangen, ja?“
An der Theke, weiter hinten, stand ein fetter, kahlrasierter und tätowierter Barkeeper, glotzte immer wieder auf Timo und flüsterte dann – sichtlich amüsiert - mit einer Kollegin. „Ja“, sagte Timo, während er diesen Komiker dahinten an der Bar zum Teufel wünschte, „hab schon öfter in der Gastronomie gearbeitet, weißt du?“ Die Kleine roch ausnehmend angenehm, nach Kokos, Zitrone, Sonnencreme und insgesamt überhaupt irgendwie unbestimmt nach Sommer, hörte mit interessierten Augen zu und Timos lange Haare schienen ihr offenbar ebenso wenig zu missfallen, wie diese seltsame Stoffhose, die er trug, Marlene-Dietrich-Style, aber das einzige, einigermaßen seriöse Kleidungsstück, das Timo neben seinen ausgewaschenen Jeans und den zerschlissenen Cordhosen mit Schlag hatte auftreiben können: Ohne Bafög war es freilich unmöglich, einen repräsentativen Habitus aufrechterhalten zu können, problematisch für eine, wie auch immer geartete Karriere, sicher, denn Äußerlichkeiten schienen seit den letzten Jahren einen immer höheren, gesellschaftlichen Stellenwert eingenommen zu haben, und wer in der Schule nicht die neuesten Sneakers von Adidas & Co. trug, dessen Reputation rutschte automatisch in eine asoziale Ecke.
Das Restaurant war auf seriös-rustikal getrimmt, mexikanische Steintreppen führten in ein edles Rondell, eine Etage über dem Erdgeschoss. Die ausschließlich jungen Kellner trugen fürchterliche Krawatten, aber immerhin Jeans und Turnschuhe dazu, machten einen arbeitsamen aber entspannten Eindruck und lächelten Timo im Vorbeigehen zu. Gar nicht schlecht eigentlich, dachte Timo beinahe vergnügt. Denn der Laden mit der angrenzenden Nobel-Club-Disco „El Dorado“, die symbiotisch mit der CARAMBAR! verbunden war, stand eher in dem Ruf ein elitärer Laden für aufgedonnerte Tussis, Krawattenträger und sonstige reiche Wichtigtuer zu sein. Man sah jedenfalls deutlich: Hier hatte ein finanzstarker Investor Millionen an Euro hineingebuttert und war mit Sicherheit wild entschlossen, dieses Geld wieder hereinzubekommen, koste es was es wolle!
„Tja“, sagte die Kleine schließlich, nach weiterem, kurzen Abklopfen, „von mir aus kannst du gleich Morgen Abend anfangen, Kassensystem und die anderen Details bringe ich dir dann beim Arbeiten bei, ja? Das ist effektiver.“ Timo nickte, schielte durch zwei Streben der Western-Schwingtür in die Küche und betrachtete kurz das ausdrucksstarke, verbissene Gesicht des dunkelhäutigen Chefkochs, der lautstark und von Autorität strotzend irgendwelchen Untergebenen gerade Anweisungen erteilte. Schulden bei Jussuf also!, dachte Timo und grinste schmutzig in sich hinein. Gleichzeitig lächelte er zuvorkommend, bedankte sich höflich bei Sue Wing, der Servicechefin und ließ sich von ihr eine Speisekarte in die Hand drücken. „Das Beste ist“, sagte Sue, „du lernst schon mal die Spezialitäten des Hauses auswendig.“ Timo nickte. „Wegen der Cocktailkarte“, ergänzte sie freundlich, „musst du dir keine Sorgen machen. Das sind dreihundert Getränke, die lernst du nicht mal eben so, die musst du schon alle mal durchprobieren, quasi einmal durch die Karte saufen, gratis, versteht sich.“ Sie lächelte. „Klar, sagte Timo“, der immer breiter zurück lächelte, „das werd ich schon irgendwie hinbekommen, denk ich.“ Dann verabschiedeten sie sich herzlich, und Sue kniff Timo noch mal freundschaftlich in die Schulter. Ein richtig nettes Ding, die Kleine, dachte Timo, dass es so etwas noch gibt ... Allein der Barkeeper glotzte immer noch misstrauisch, als Timo aufrecht und zielsicher den Ausgang des Restaurants ansteuerte. Scheiß auf dich! Dachte Timo und grinste. 300 Cocktails, dämliches Arschloch! Gratis! Du hast es gehört! Fang am besten schon mal mit dem Mixen an, Kleiner!

 

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