Textauszug „CARAMBA!“

Jussuf stand da, wie die Karikatur eines Schwarzmarkthändlers aus einem Spielfilm der frühen Fünfziger Jahre. Dickbräsig lungerte er vor den Filmtheatern in der Fußgängerzone herum, so, als warte er geschäftig und unverblümt auf den nächsten daher gelaufenen Dummen. Die Werbetafel eines Herrenausstatters beleuchtete ihn halb im Profil, er rauchte, grinste – als er die beiden bemerkte - sofort mit seinem parodontitischen Pferdegebiss und wartete, bis Giuseppe und Timo in Hörweite waren. „He, Giuseppe“, schnurrte er schließlich, „gib mir eine Zigarette, ja?!“ Und an Timo gewandt: „Hey, schöne Jacke, was willst du dafür haben? Ich gebe dir 10 Euro dafür, einverstanden?“ Giuseppe kramte in seinem Blouson, zog Zigaretten heraus und bot Jussuf eine davon an. „Feuer?“, fragte der Tunesier fordernd, drückte dann seine alte Zigarette aus und zog genussvoll an der Neuen. „Hmm“, sagte er, „das sind ja sogar Originale, lecker, kein Wunder, dass du kein Geld hast!“ Er grinste wieder.
„Also, um es kurz zu machen“, startete Giuseppe, „ich brauche 200 Euro, sofort und in bar, könntest du das für mich tun?“ Jussuf strahlte. Nur mit Mühe konnte er auf seinem Gesicht einen ernsthaften, geschäftigen Ausdruck etablieren, doch es war offensichtlich, dass er sich bereitwillig an den Zinsen gesundstoßen wollte. Er kannte Giuseppe, hatte ihm schon des Öfteren ausgeholfen und immer einen guten Schnitt dabei gemacht. Timo stutzte. Wieso 200, dachte er, wo es doch eigentlich um 100 Euro geht. Aber na, schön, folgerte er. Dann wird es wohl noch auf ein Treffen mit diesem Marokkaner hinauslaufen, hat schließlich kein Koks mehr, Giuseppe, der alte Spaghetti, aber ein paar Monate Pause würden ihm sicher auch mal ganz gut tun. Gius Augen waren jetzt schon kaum mehr, als zwei große, schwarze Löcher. Timo sorgte sich etwas, er mochte ihn eben. Aber Giu müsste schon selber wissen, was er sich noch alles zumuten wollte. Er betrachtete die beiden Männer, die sich offenbar soeben handelseinig geworden waren. „Also 240 Euro, nächste Woche Sonntag, ja?“ Giuseppe versicherte sich nochmals, steckte dann das Geld in die Tasche und Jussuf wandte sich grinsend wieder Timo zu. „Also“, sagte er, „was ist denn nun mit der Jacke?“ „Soll ich hier jetzt im März in Badehose durch die Stadt laufen, oder was?“, sagte Timo. „Du gefällst mir“, erwiderte Jussuf. „Wenn nicht heute, dann halt Morgen, irgendwann kommt ihr alle zu mir“, grinste er wissend. „Hab übrigens auch Handys, Fahrräder, Sonnenbrillen und Turnschuhe im Angebot, musst nur mal vorbeikommen, hörst du, ich mache guten Preis für dich!“ „Ja, ja, ja, dämlicher Nordafrikaner!“, sagte Giuseppe, „der Mann hat nicht mal einen Job, geschweige denn Geld. Wie issses? Habt ihr nicht gerade einen Job als Kellner offen, sag mal.“ Der Tunesier überlegte. „Hmm, na ja, weiß ich nicht recht, ich bin ja Küche, also in der Küche könntest du Morgen anfangen, ich bin zwar nur Spüler, aber der Chefkoch hat noch Schulden bei mir, da kann ich einstellen, wen ich will! Er grinste. Sagen wir, gegen eine Gebühr von 10 Euro?“ „Hee“, sagte Giuseppe, „vergiss gefälligst nicht, mit wem du hier redest!“ Leicht eingeschüchtert, aber im Nu wieder voll da lächelte Jussuf verlegen und klopfte Giuseppe auf die Schulter. „Mein Freund“, sagte er, „war doch nur Spaß. Ich werde sehen, was ich tun kann, aber du gibst mir dafür jetzt noch eine Zigarette, ja?“ Giu stöhnte. „Hier, du alter Jude!“, sagte er. „Nimm gleich die ganze Schachtel. Aber dafür machst du Timo für Morgen um 17 Uhr einen Termin bei der Servicechefin klar, verstanden?! Ist Sue Wing noch für die Kellner zuständig.“ „ICH BIN KEIN JUDE!“, empörte sich Jussuf und steckte Gius Zigaretten in die Hosentasche. „Ich bin Araber, Juden sind scheiße!“ „Wie auch immer“, sagte Giuseppe, „was ist jetzt? Mach ne Ansage!“ Jussuf tat etwas beleidigt, kratzte sich an der Nase und sagte dann. „Na ja, also die Sue Wing wäre schon noch da ...“ „Na also“, herrschte Giuseppe, „dann häng ich da gefälligst rein. Ansonsten sprech ich selber morgen mal mit Sue.“ „Morgen 17 Uhr?“, sagte der Araber zögerlich. „Also gut, ich denke, das kriegen wir hin, Caramba!“ „Na also“, sagte Giu, „und jetzt komm Timo.“ Er kramte nach dem rosa Zettel auf dem eine Handynummer notiert war, wir müssen noch kurz was erledigen.

 

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