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Textauszug „CARAMBA!“

Jetzt saßen sie schon wieder eine ganze Weile zusammen auf Timos Sofa. Timo hatte immer noch feuchte Haaren, nippte an seinem „Bring me up“, eine wilde Mischung aus Cappucchino, Wodka, Tomatensaft und allerlei Gewürzen, aber irgendwie half das Zeug tatsächlich; Giu stürzte einen Espresso nach dem anderen hinunter, rauchte und guckte verschlafen.
„Du verstehst also“, sagte Giuseppe, „ich kann jetzt nicht schlafen, beim besten Willen nicht. Nicht, solange die scheiß Wechselgeldkasse nicht wieder aufgefüllt ist.“ Giuseppe überlegte. „Naja“, sagte Timo, „aber wenn die jeden Morgen von der Frühschicht kontrolliert wird, dann hätten die das doch sowieso gemerkt, oder?“ „Ja klar“, sagte Giuseppe, „aber die Frühschicht steht in der Rangliste unter mir. Ich hätte dem Dieter schon die richtige Ansage gemacht, der hätte mich jedenfalls nicht angeschwärzt, aber jetzt bin ich krankgeschrieben und kann mich da nicht blicken lassen!“ „Schwierig“, sagte Timo.
Nach ein, zwei weiteren Espressi waren sich die beiden schließlich einig, was in dieser allgemeinen Misere jetzt noch getan werden konnte. „Na also schön“, fasste Timo zusammen, „du rufst jetzt diese nordafrikanische Spülkraft an, diesen Jussuf, wegen der Kohle, und ich besorge dir n guten Anwalt, ja? Wie du diesem Jussuf später dann die zwanzig Euro Zinsen besorgst, und überhaupt die 100 Euro, musst du halt selber sehen, sorry, aber ich bin echt pleite gerade.“ „Du brauchst einen Job!“, erklärte Giuseppe. „Einen, der vor allem regelmäßig was abwirft. Was nützt dir dein Job bei der Zeitung, wenn du nur drei Texte im Monat verkaufen kannst. Und überhaupt“, grinste er, „wenn du weiterhin zu allen, journalistischen Terminen besoffen erscheinst, dann wuchten die dich raus, irgendwann.“ „Ach was“, sagte Timo, „das ist angewandter Gonzo-Journalismus im 21. Jahrhundert! Das ist Neo-Beat! Hörst du?“ „Neo-Beat?“ Der Italiener grinste immer breiter. „Hallo, dämlicher Kellner! Jemand zu hause?! Allen Ginsberg und Bob Dylan, wie? Die 70er Jahre sind vorbei, Alter, wie oft denn noch?!“ Timo stöhnte. „Nerv jetzt nicht“, sagte er, „in den 80ern hab ich die DOORS gehört, war auch nicht hip damals, na und?! Und dann kam dieser dämliche Film, immerhin von Oliver Stone, und plötzlich hörte jeder kleine Popper Jim Morrison. Pass mal auf! Irgendwann macht irgendsoein halbseidener Schmierenkomödiant einen fürchterlich theatralischen Film über Dylan, und plötzlich will ihn jeder immer schon gehört haben, und dann wird er im Fernsehen von CDU-Politikern zitiert. FUCK IT. Solche Künstler wie Dylan werden irgendwie immer von den falschen Leuten vereinnahmt und dann verlangen diese Vögel, dass ihre Künstler wie dressierte Affen genau das machen, was von ihnen erwartet wird. Kein Wunder, dass Dylan gerade das tut, was man nicht von ihm erwartet. Sehr sympathisch, find ich.“ Er kratzte sich langsam am Kopf und überlegte.

 

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