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Textauszug „CARAMBA!“

3600 Mark, dachte Timo und legte nachdenklich, aufgebracht, aber vor allem nervös den Telefonhörer zur Seite. 3600 Mark, wie zum Teufel stellte sich Franky das bitteschön vor?! Was wollte er jetzt eigentlich genau von ihm? 1850 Euro etwa?! Oder wie hatte sich dieser durchgeknallte Soziophat die verdammt Chose gedacht? Timo glotzte einen Moment gedankenverloren auf die Spüle mit den schmutzigen Tassen, kramte dann im Kleiderschrank eine zerschlissene Unterhose heraus, zog sie an, und die Schmerzmittel für den Sauf-Kater beruhigten allmählich auch seinen angekauten, dicken Fuß.
Und überhaupt, dachte Timo, 1850 Euro, für ein 15 Jahre altes Sofa! Ein verächtlicher Pfiff kam über seine Lippen: Eins war jedenfalls klar - dieser Spinner war inzwischen vollkommen übergeschnappt! Aber na sicher, fiel es Timo jetzt mit einem Mal wie Schuppen von den Augen: Franky hatte – aus welchen Gründen auch immer – seine Pistole verloren, und ganz billig waren diese Dinger auf dem Schwarzmarkt nicht, das wusste Timo. Jetzt musste Franky das Geld wieder reinholen irgendwie, nun ja, dachte Timo, so tickt dieser Scheißtyp nun einmal. Genau so musste er sich diese Sache ausgetüftelt haben. Aber 1850 Euro von ihm zu fordern, war ebenso utopisch wie eine Million. Timo war vollständig pleite. Die Bafög-Zahlungen waren bereits vor zwei Monaten eingestellt worden, der Nebenjob als Freier Kulturjournalist bei DER ZEITUNG warf nicht genug ab. Alle Nase lang flatterten komische Rechnungen herein, und vorgestern erst stand wieder einmal so ein seltsamer Typ mit Bibermütze vor Timos Haustür, sagte er komme von der Stromfirma und wollte 11 Euro Mahngebühren eintreiben, Timo hatte allerdings nur 10 und zwar für die nächsten geschlagenen drei Wochen. Missmutig zog er also in Erwägung, wieder einmal irgendwo zu kellnern. Der letzte Scheiß-Job war das, soviel war klar, aber sollte er lieber verhungern?
Das Telefon klingelte. „Was zum Henker ist hier heute eigentlich los“, knurrte Timo, nahm den Hörer ab und horchte. „Hallo? Timo? Bist du’s?“ Ein plötzlicher Stich fuhr Timo durch den Körper, sein Brustkorb zitterte kurz, schnell berappelte er sich aber wieder und atmete tief durch. „Timo? Bist du am Telefon?“ „Nein, Sarah“, sagte er schließlich entnervt, „das ist der Anrufbeantworter von Satan, Nachrichten bitte nach dem Pieps!“ „Schön, dass du gute Laune hast“, entgegnete Sarah, „ich dachte, ich melde mich mal wieder, um zu hören wie’s dir so geht?“ „Super“, sagte Timo, „einfach Super, läuft alles wie am Schnürchen hier, war’s das?“ Sarah schluckte. „Was bist du denn schon wieder so aggressiv?“ „Bin ich doch gar nicht! Ich sag ja, alles ist prächtig, Spiel läuft, ich hab hier bloß ne Menge zu tun, im Moment.“ „Ahh“, sagte Sarah mit einem forschenden Unterton, „willst dich wohl nächstes Semester endlich zur Magister-Prüfung anmelden, was? Na, das wurde ja auch Zeit.“ Timo kochte. „Nein, Sarah, nein“, sagte er schließlich mit aller Beherrschung, „nächstes Semester muss ich erstmal etwas Geld verdienen. Da werd ich nebenher nur noch ein Bisschen recherchieren und ein paar Texte für DIE ZEITUNG schreiben können.“ „Oh je“, sagte Sarah mit gespielter Anteilnahme, „dann hast du ja noch einiges vor dir. Weißt du wenigstens schon ein Thema.“ „Ja Sarah, ja, ich habe ein Thema. Werde über ‚angewandten Gonzo-Journalismus im 21. Jahrhundert’ schreiben. Vorkonzipiert ist alles, muss die Arbeit nur noch fertig stellen.“ „Gonzo-Journalismus?“, lachte Sarah, „ist das nicht der Typ mit der krummen Nase aus der Muppetshow, der immer den Gong schlägt?“ „Fast“, knurrte Timo, „aber erstmal, liebe Sarah, hat der Typ den du meinst ’nen krummen Schnabel, ist schließlich ein Vogel, und Vögel haben keine Nasen, weißt du? Und das, was ich meine, ist ein Terminus von Hunter S. Thompson, einem Romancier und Journalisten aus Kentucky, der keinen Gong schlägt aber gerne mal mit seiner 357er Magnum herumballert.“ „Na, dann hast du ja zumindest gut zu tun“, flötete Sarah, „ach Timo, du glaubst ja gar nicht, wie froh ich bin, mit der ganzen Uni-Sache durch zu sein!“ „Na herzlichen Glückwunsch“, sagte Timo und erinnerte sich an die unzähligen Abende, an denen Sarah mit Tränen verhangenen Augen bei ihm auf dem Sofa gesessen und ihm den letzten Nerv geraubt hatte. „Wenn ich bloß erst mal durch bin mit dem ganzen Mist“, hatte sie ihm versichert, „dann helfe ich dir auch bei deiner Arbeit.“ Eine Woche nach ihrer Prüfung war sie verduftet. „Brauche jetzt erstmal etwas Zeit für mich selber, das kann man doch wohl nachvollziehen.“ Und schwups - war Sarah weg. Na schön. Doch warum belästigte sie ihn dann immer noch, in regelmäßigen Abständen? Reiner Sadismus, dachte Timo. Aber na gut, vermutete er, wahrscheinlich ist sie der Ansicht, mich für irgendetwas bestrafen zu müssen, wer versteht schon die Weiber, dachte Timo, und seufzte.
„Hallo, Timo? Bist du noch da?“ „Ja“, knurrte Timo, „wo soll ich denn sonst sein?“ Ein plötzlicher Geistesblitz zuckte ihm unvermittelt durch den Kopf, na klar, dachte er, das wär’s doch! Er atmete noch mal kurz durch, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sagte dann so freundlich, wie es seine momentane Lage erlaubte: „Hör mal, Sarah, hast du eigentlich eine Haftpflichtversicherung?“ „Hmm“, sagte Sarah, „ich nicht, wieso, wofür brauchst du denn eine?“ „Na ja“, sagte Timo, „hab jemanden versehentlich mit ’ner Zigarette das Sofa verkohlt, und der will jetzt richtig viel Geld von mir ...“ Sarah stöhnte. „Na dir passiert ja immer eine Scheiße!“ „Danke, Sarah, das hilft mir jetzt ungemein weiter.“ Sie schwiegen. Es entstand eine unangenehme, lange Pause und Timo war schon kurz davor, einfach aufzulegen, da antwortete Sarah schließlich: „Na ja, ich könnte einmal meinen neuen Freund danach fragen, bei dem ist alles so viel besser strukturiert als bei dir, weißt du? Außerdem verdient er genug Geld, ist tatsächlich mal eine gute Partie“, erklärte sie begeistert. „Na wunderbar, dass es dir gut geht“, entgegnete Timo ironisch, ein neuer Freund also, dachte er, na großartig, die lässt tatsächlich nichts anbrennen, die kleine Muschi!
„Also ich könnte ihn ja mal fragen, ja? Versprechen kann ich dir natürlich nichts.“ „Schon gut“, sagte Timo, „aber ein Versuch wäre es wert. Würdest mir echt einen Riesengefallen damit tun“, sagte er. Doch im selben Moment bereute er es wieder. Sarah war – genau genommen – nicht der Typ, der sich ein Bein ausreißt, um einem Ex-Freund einen Riesengefallen zu tun, sie war da schon eher der Typ „Schwarze Witwe“. Er war schon im Begriff, ihr zu erklären, die ganze Sache besser gleich wieder zu vergessen, da klingelte die Türschelle, Timo verabschiedete sich schnell und hinkte zur Wohnungstür....


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