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Textauszug „CARAMBA!“

Ein Euro 20, ein beschissener Euro und 20 lausige Cents, das war alles was Giuseppe an Kleingeld geblieben war. 60 Cents davon waren sogar schon verbrannt, schließlich hatte er seinen Chef anrufen müssen, doch auf der Holzpritsche, in der gekachelten Zelle, wo Giuseppe bis zum Termin mit dem Haftrichter um 11 Uhr ausharren musste, hatte er ja immerhin genug Zeit gehabt, sich eine vernünftige Ausrede für sein heutiges Fortbleiben einfallen zu lassen. Und um auch Andy endlich einmal ordentlich zu bestrafen, hatte er auf Salmonellen-Verdacht plädiert, was im Klartext bedeutete, dass Andy, wenn sich der Verdacht bestätigen würde, seinen Laden für mindestens vier Wochen dicht machen könnte, sogar ein Trottel wie Andy wusste das. Giuseppe grinste böse. Zumindest sein Chef würde ihn also, in ein, zwei Tagen mit offenen Armen empfangen. Würde erleichtert laut aufjapsen, dass es sich nur um eine Magen-, Darmgrippe gehandelt hätte. Salmonellen, grinste Giuseppe, das war mit Abstand die geschickteste Ausrede, die einem überarbeiteten Barkeeper in der Gastronomie ein paar Tage Zeit verschaffen konnte. Autounfall, das war auch Klasse, aber Giuseppe besaß kein Auto, und nun hatte er seine beste Ausrede wegen Timo, diesem dämlichen Idioten, verbraten müssen, denn eigentlich war dieser Schachzug für absolute Notfälle gedacht gewesen, aber na gut, seufzte Giuseppe, hab zwar schon Schlimmeres erlebt, doch meine jetzige Lage kommt doch schon ziemlich nah an einen Notfall ran.
Unschlüssig stand der Italiener mit seinen letzten 60 Cents in der Telefonzelle. Sollte er Timo beizeiten einfach eine Flasche über den Kopf ziehen, oder sollte er sich erstmal bei ihm einquartieren und dann weiter sehen? Wütend entschied er sich für die letztere Variante, denn - wo hätte er auch schließlich sonst hingehen sollen. Er steckte sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug, immer darauf bedacht, dass ihn jetzt bloß kein Gast oder womöglich gar ein Arbeitskollege beim Telefonieren beobachtete, denn Andy – da war er sich sicher - hatte überall seine Spione.
Wütend aber auch unbestimmt hoffend steckte Giu sein letztes Geld in das Telefon, wählte Timos Nummer und wartete.
„Jaaaaaa ....?
„JA? WAS HEIßT HIER „JA“, DU DÄMLICHES ARSCHLOCH?! Ich komm gerade aus dem Knast, wegen dir, hab den ganzen BESCHISSENEN MORGEN auf einer Holzliege gesessen, und alles was du dazu zu sagen hast ist ein bescheuertes „Jaaaa...“, ODER WAS?!“
„Häää? Giuseppe?“ Timo stutzte, zerriss eine Stromrechnung, die auf dem Kühlschrank neben dem Telefon lag, wischte sich seinen Hintern ab und spürte einen pochenden Schmerz an den Schläfen. „Brüll doch nicht so“, jammerte er, „ich hab ne echt schlimme Nacht hinter mir und jetzt ne Menge Probleme am Arsch, was ist denn los?“
Es kostete Giuseppe einige Mühe, nicht mit dem Telefonhörer in blinder Wut auf die Scheiben der Zelle einzuprügeln, stattdessen stieß er einige – dem Anlass entsprechende -, italienische Flüche aus, zündete sich noch eine Zigarette an, und seine Stimme wurde mit einem Mal katzenfreundlich und auffällig zuvorkommend. „So!“, sagte er. „Einer deiner völlig durchgeknallten, gut bürgerlichen Nachbarn hat mir heute Morgen eine Pistole in die Hand gedrückt, dann hab ich sieben Stunden im Knast gesessen, bin angeklagt wegen Waffenbesitzes und Tierquälerei, mein Gras und das Koks haben sie mir abgenommen, das gibt dann noch ne Extra-Anzeige, und in der Trinkgeldkasse fehlen 100 Euro, aber DU HAST PROBLEME, JA?!!“
„Uff!“, sagte Timo, immer noch deutlich benommen. „Das klingt ja nicht so schön. Aber sag mal, müsstest du nicht eigentlich arbeiten, heute?“
„Arbeiten, arbeiten“, echote Giu, „porko dio, NATÜRLICH MÜSSTE ICH ARBEITEN, Arschloch, aber ich hab jetzt inzwischen seit drei Tagen nicht mehr geschlafen und die KACKE AM DAMPFEN!! HÖRST DU EIGENTLICH NICHT ZU, ODER WAS?“
„O.K.“, krächzte Timo, „O.K., Alter, mein Angebot steht. Komm einfach vorbei, leg dich ab, und danach sprechen wir über alles, ja? Aber bitte, bitte hör auf so zu schreien. Mir platzt gleich der Kopf hier.“
Giuseppe rauchte. Gierige, wütende Züge. „Na schön“, sagte er schließlich, immer noch in der Versuchung, Timo einfach den Schädel einzuhauen, nicht zuletzt freilich als Auswirkung des Kokainkonsums der letzten Tage und jetzt war da auch noch dieser blöde Entzug und das verdammte Schlafdefizit, na ja, dachte Giuseppe, ich sollte wohl nicht so ungerecht sein. „Na also schön“, sagte er endlich, „in 20 Minuten bin ich da!“ Dann hängte er auf.

 

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