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Textauszug „Home, Sweet Home“

An der Theke der Gaststätte „Novum“, unter den pastellfarbenen, dick lackierten Straußeneiern, die Andy zu ovalen Lampen hatte umbauen lassen, um seiner Cocktailbar eine extravagante Note zu geben, saß nur noch eine einzige, wohlgenährte Blondine mit Pelzkragen und schlürfte an ihrem Mai-Thai.
Andy, dieser Trottel, hatte sich wieder frühzeitig aus dem Staub gemacht, eine seiner willigen Angestellten im Schlepptau, der er, nach einigen Cocktails und Shootern, noch unbedingt „etwas zeigen“ wollte. Andys Frau war schon früher gegangen.
Es war nicht der Umstand, dass Andy nichts, aber auch gar nichts von den wirtschaftlichen Abläufen seiner Nobel-Bar verstand, die ihm seine Millionen schwere Gattin eingerichtet hatte, das war es nicht, was Giuseppe, den Barkeeper, in regelmäßigen Abständen in unbändige Wut versetzte: kurze Anfälle, die sein Gesicht puterrot werden ließen; und er musste jedes Mal mit einer Mülltüte am Handgelenk, als Alibi für sein plötzliches Verschwinden, in den Hinterhof flüchten, um erst mal einen Joint zu rauchen. „Biologische Unterstützung“, murmelte er dann. Stand auch jetzt so da und rauchte, war nach der inzwischen zehnstündigen Schicht ausgelaugt wie ein Fossil und müsste diesen Puff noch mindestens bis 23 Uhr geöffnet halten. Völliger Unsinn, natürlich, für einen Montag! Zwei Stunden doof herumstehen, darauf würde es hinauslaufen. Aber das Beste war, dass er danach noch mindestens drei Stunden brauchen würde, um diese Menschen verachtende Theke mit all ihren Sperenzien, der zwei Meter langen Kaffeemaschine, den Shakern, Mixern, Milchschäumern und Zapfanlagen in einen einigermaßen sterilen Zustand zu versetzen. Er, der Chefbarkeeper. Während Andy, dieser Versager, für die ukrainische Putzfrau, die eigentlich für diesen ganzen Mist hier zuständig gewesen wäre, gerade den „Rolf Eden“ machen musste. Giuseppe fluchte. Wusste Andy, dieses Arschloch, eigentlich, dass sein beschissener Laden überhaupt nur wegen ihm, Giuseppe, dem personifizierten Abendumsatz, funktionierte?! Und wenn ja, dann interessierte es ihn offenbar einen Scheißdreck, wie es ihm dabei momentan ging. Dass er wegen dieses Halsabschneider-Lohnes, den Andy ihm zahlte, seine Wohnung verloren hatte, kurz davor war, sich endgültig dem Kokain zu ergeben, 2000 Euro Schulden hatte, und von den letzten Freunden, die ihm geblieben waren, herum gereicht wurde, wie ein lustiges Maskottchen; denn irgendwo musste er immerhin schlafen.
Er hatte schon zwei Tage nicht richtig geschlafen. Heute Nacht allerdings war ihm ein Sofa bei Timo sicher. „Penn dich mal richtig aus, mein Alter!“, hatte Timo gesagt. „Bei mir ist es ruhig, gut-bürgerlich, quasi!“ „Ach ja!“, seufzte Giuseppe, RUHE, einfach nur Ruhe, das wär’s schon. Mehr wollte er gar nicht. Letzte Nacht bei Thomas dagegen hatte ihn die alte Nachbarin für einen Einbrecher gehalten und ihm morgens um drei die Bullen auf den Hals gehetzt. Thomas hatte sich bei einer seiner Fick-Freundinnen einquartiert, was die Aufklärung dieser Geschichte nicht unwesentlich in die Länge zog. Aber nach der Aktion war an Schlaf ohnehin nicht mehr zu denken. Und bis er heute bei Timo wäre, wäre es wieder mal drei Uhr morgens. Und genau acht Stunden später würde dann schon wieder die neue Schicht anfangen. Andy würde irgendwann mit seinen entleerten Altmänner-Hoden bei ihm aufschlagen und unqualifizierte Bemerkungen machen. Das Leben war zum Kotzen, dachte er. Wankte mit leichter Marihuana-Paranoia in den Heizungskeller und zerbröselte Kokain auf einem Metall-Regal. „Chemische Unterstützung“, murmelte er. Sollte ihm die Blondine doch oben inzwischen den Laden ausräumen! Ihm war es gleich. Beschissene Tussi, dachte er. Und rollte einen Geldschein zusammen.


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