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Textauszug „Home, Sweet Home“

Josef Überwasser stöhnte, als sich seine blauen Falkenaugen nach dem kurzen, lauten Knall, so als schlüge eine Axt in schlecht geleimtes Sperrholz, mit einem Ruck weit öffneten. Er hatte sich nach der ersten Blutwäsche diese Woche mit seinen ruinierten Nieren aufs Sofa zurückgezogen und ein Schläfchen gemacht. Seine Frau Magda pürierte unter lautem elektrischen Getöse in der Küche einen Eintopf, der eine Woche reichen würde. Die Hälfte würde sie eh einfrieren. Aber das Gemüse musste eben noch schnell verarbeitet werden. Schon wegen der Vitamine, dachte sie geschäftig, schnaufte ein bisschen und zuckte kurz zusammen, als sie die schrille Stimme ihres Mannes hörte. „MAGDA!!!“, schrie Josef. „HAST DU DAS AUCH GERADE GEHÖRT?!“
„WAS SAGST DU, JOSEF?“, schrie sie zurück, stellte den Schalter ihres Pürierstabs auf null und horchte.
„Hat da nicht eben etwas laut gekracht?!“ Josef rieb sich seine Augen, bis das Blau darin wieder fast stählern wurde. Fast so, wie damals, als er noch dieser junge Volkssturmsoldat gewesen war, der sich mit überzeugter Hitler-Jugend-Mentalität gegen die englischen Invasoren geworfen hätte. In Wahrheit hatte er zwar keinen Kratzer abbekommen, aber er hätte sich geopfert, tatsächlich! Bis zum letzten Atemzug! Auf jeden Fall! Wenn dieser Krieg dann eben leider nicht so schnell vorbei gewesen wäre. Nun ja, so war das eben, damals … Heute jedoch war von seiner ganzen jugendlichen Strahlkraft nur noch dieses Misstrauen geblieben. Ein gutes und gerechtes Misstrauen gegen das Schlechte in der Welt. Das universal Verkommene, repräsentiert in aller Regel durch Drogen verteilende Neger, das internationale Finanzjudentum und natürlich durch die verfluchten Spaghettis, die man großzügigerweise in den 60ern ins Land geholt hatte, obwohl die Panzer dieser so genannten Verbündeten, als es im Krieg darauf ankam, zwar einen Vorwärtsgang, aber offenbar fünf Rückwärtsgänge hatten. Nutzloses Pack eben, dachte Josef, das jetzt überall italienische Mafia-Lokale eröffnete, mit Pistolen herum wedelte und das Straßenfegen inzwischen großzügig den Türken überlassen hatte, doch selbst die wurden allmählich immer frecher.
„Mir war so“, keifte er Richtung Küche, „als wenn etwas kaputt gebrochen wäre!“
„Ach was“, schrie Magda, „das hast du geträumt. War vielleicht der Pürierstab: Das macht einen Mordskrach den Stangensellerie klein zu kriegen, weißt du? Schlaf du mal schön weiter, mein Lieber, in einer halben Stunde bin ich hier fertig!“
Nur Theater, hat man im Alter, stöhnte Josef in Gedanken. Seit gestern war auch noch sein Fuß geschwollen. Nach so einer Blutwäsche konnte man den ganzen restlichen Tag eigentlich abschreiben. Da war nichts mehr. Körperlich. Aber die Flöhe husten, die hörte er noch nicht. Er hatte zwar über die Jahre vollständig seinen Geruchssinn verloren, das war aber auch alles. Gab ja genug Bekannte in seinem Alter, die inzwischen nur noch mit dem Kopf wackeln konnten. Er nicht! Er würde schon herausbekommen, was da gerade so gekracht hat. Er hatte schon ganz andere Sachen gedeichselt. Das war ein ordentliches DEUTSCHES HAUS, und das würde es auch bleiben. Bis zum letzten Atemzug, dachte er, kurz bevor er wieder langsam dahindämmerte.


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