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Textauszug „Home, Sweet Home“

Seit zwei Tagen lag Timo jetzt schon wieder wie festgewachsen auf seinem Sofa und döste. Im Hintergrund dudelte beinahe schon eben solange ein Endlos-Tape der Sex-Pistols, der Leadsänger krähte „Johnny B Goode-Road Runner!“, und Timo nickte ab und zu weg, hörte kurz sein eigenes Schnarchen und erwachte dann wieder. Erschrocken von diesen jähen Stößen, zurück in der zähflüssigen Wirklichkeit, kratzte er dann meistens kurz an seinem Bauch; den hatte er sich in den letzten drei Monaten angefressen, seit seine werte Freundin Sarah ihn Hals über Kopf und kurz nach ihrem Referendariat verlassen hatte und das nach allem, was er für dieses Stück erdulden musste: Ihr ständiges Gezeter. Timo, meine Nerven, sei doch nur einmal für mich da und so was! Doch wie er nun genau zu dieser neuerlichen Leibesfülle gelangt war, das wusste er eigentlich nicht. Es war aber auch müßig, über solche Dinge nachzudenken. Über falsche Ernährung, die aktuellen Schildbürgerstreiche der Regierung, welcher Medikamenten-Mix bei Depressionen helfen könnte, oder sonst was. Genau genommen versuchte er seit Monaten angestrengt, über möglichst gar nichts mehr nachzudenken. Höchstens dachte er zuweilen, dass allzu intensives Nachgrübeln jedes Mal doch nur zuverlässig in einer scheiß Sackgasse enden würde. In einem dreckigen, mentalen Kellerloch! Und in so einer Sackgasse hockte er ja sowieso, seit sein Bauch angefangen hatte, immer fetter zu werden …
Es war schon wieder so ein Tag, an dem man eigentlich nicht existierte. Sicher, er hätte auch aufstehen und irgendwohin gehen können. Hätte sich durch das Gewicht auf seinen Füßen seiner fetten Existenz versichern, oder hätte natürlich auch – wie Fritzi Kramer ihm neuerdings andauernd in den Ohren lag – nach Berlin ziehen Können. „Berlin, Berlin“, flötete Fritzi, obwohl er selber gerade mal seit einem Monat da wohnte und jetzt vor 19jährigen Studentinnen den Großstädter raushängen ließ und jeden zweiten Satz mit „Icke“ anfing. Doch Timo mochte Berlin nicht. Er hatte seine Gründe. Die Stadt war schmutzig, schmutzig und laut, nein, er mochte sie nicht. Und Fritzi Kramer mochte er auch nicht.
Hmmm, dachte er, aber aufstehen, das müsste er wohl, oder nicht?  Aufstehen – zum Beispiel – um sich im Supermarkt gegenüber in den nächsten zehn Minuten neues Bier zu kaufen. Denn wenn sich Timo nach dem Ladenschluss um 21 Uhr auf die verbleibenden drei trüben Flaschen Billigbier im Kühlschrank stützen müsste, tja, dann müsste er sich irgendwann im Dunkeln Bier für teuer Geld an der Tankstelle besorgen. Und Geld hatte er eigentlich jetzt schon keins mehr. Aber jetzt in den Supermarkt gehen? Sich aufraffen müssen, die Schuhe anziehen. Mit kreischenden Arschgeigen in einer Schlange herumstehen? Wollte er das? Er seufzte. Das Leben war schwer....


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